Jahrgang 2016: „Entspannt ist anders“

In den letzten Wochen erreichten uns Hiobsbotschaften von Winzern aus den unterschiedlichsten Regionen. Peronospora, oder „falscher Mehltau“, ist aufgrund der massiven Regenfälle dieses Jahr ein enormes Problem. Die Presse titelt „Winzer fürchten um Ernteausfälle“ und „Bio-Winzer wollen Pestizid“. Wir haben bei Sven Leiner in der Pfalz nachgefragt, wie es um seine Weinberge bestellt ist und was er vom Einsatz von Pflanzenschutzmitteln im ökologischen Weinbau hält.

Sven, es scheint ein extrem schwieriges Jahr zu sein für deutsche Winzer. Aber auch aus Frankreich haben wir schon katastrophale Meldungen bekommen. Was ist dieses Jahr los?

Peronospora, oder auch falscher Mehltau genannt,  ist ein Pilz, der im Weinbau immer vorkommt. Er ist stark niederschlagsabhängig. Wir hatten hier in der Pfalz im Gegensatz zum vergangenen Jahr massive Niederschläge fast ohne Regenpausen. In der Vegetationsphase gab es bisher maximal zwei Wochen, die wirklich niederschlagsfrei waren.

Der Pilz kommt vom Boden. Die erste Infektion findet am Boden statt und wird dann durch Wassertropfen nach oben auf die Blätter geschleudert, wo er sich dann weiter verbreitet. Das Problem ist, dass wir zu einem extrem frühen Zeitpunkt ein unglaublich hohes Sporenpotenzial hatten. Das kann uns bis zur Lese verfolgen. Zwar ist es in den letzten Tagen etwas ruhiger, weil wir seit einer Woche trockenes Wetter haben und momentan keine aktiv sporelierende Peronospora draußen ist. Für morgen ist jedoch Regen angekündigt,  dann bricht es wieder aus.

Der Befall beginnt meist nach der Blüte. Die Trauben an sich sind anfällig, bis sie erbsengroß sind. Diese Größe erreichen wir jetzt bei den meisten Sorten in der kommenden Woche.
Wir hatten vor der Blüte, bei den so genannten Gescheinen, auch schon einen Befall.

Wenn wir Pflanzenschutz betreiben, sind wir anderthalb bis zwei Tage beschäftigt.  So viel Zeit hatten wir zu Beginn der Vegetationsperiode gar nicht zur Verfügung, weil es ständig geregnet hat. Bei Regen können wir nicht spritzen. Zudem gab es Starkregen. Der verhinderte, dass wir durch Anlagen fahren konnten, weil der Boden zu aufgeweicht war für den Traktor. Das hat alles nochmal schwieriger gemacht.

Du klingst insgesamt noch recht entspannt, oder täusche ich mich?

Also entspannt ist anders. Mit jedem Regentropfen wächst die Anspannung.  Wenn es einen trockenen Tag gibt, denke ich, wir müssen bis in die Nacht hinein spritzen, weil wir nicht wissen, wie der nächste Tag wird. Aber das kann ich meinen Mitarbeitern und meiner Familie nicht abverlangen. Es gibt ein Leben neben dem Weinberg.

Wie hoch ist der Befall in euren Weinbergen?

Ich schätze, dass wir derzeit insgesamt einen Verlust um die 15 bis 20% haben. Das geht noch. Bei einzelnen Weinbergen, die es besonders schlimm getroffen hat, sind aber auch Verluste von 50-70% dabei.

Euch als demeter-Betrieb steht ja nun kein prall gefüllter Chemiebaukasten zur Verfügung. Womit versucht ihr eure Reben vor Peronospora zu schützen?

Grundsätzlich dürfen wir als biodynamisch arbeitendes Weingut zum Pflanzenschutz alles einsetzen, was ökologisch arbeitende Betriebe auch einsetzen dürfen.  Als demeter-Weingut ist man im Pflanzenschutz nicht noch zusätzlich eingeschränkt.

Ich arbeite vorbeugend mit einem Tonerde-Präparat und verschiedenen Kräuterauszügen. Das verwende ich am Anfang der Saison, wo der Druck noch weniger hoch ist. Das hilft uns zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht mehr. Ich muss zu Kupfer und Schwefel greifen, anders geht es nicht. Diese Spritzungen unterstützen wir zusätzlich mit diversen Kräutertees und natürlich biologisch dynamischen Präparaten, vor allem Hornkiesel.

Wir haben das intensivste Pflanzenschutzjahr, seitdem ich Winzer bin. Wir sind mittlerweile bei Spritzung 10. Ich gehe davon aus, dass noch 5 bis 7 anstehen. Normalerweise hält man Behandlungsabstände von 8 bis 10 Tagen ein, wenn es später in der Vegetationsphase ist, auch mal 12 Tage. Mit dem enormen Druck derzeit mussten wir die letzten vier Behandlungen mit einem Abstand von nur vier Tagen fahren!

Die taz hier in Berlin titelte im Juni „Bio-Winzer wollen Pestizid“. Es geht um phosphorige Säure. Was hältst du davon?

Bis 2013 war im ökologischen Weinbau als Pflanzenschutzmittel Phosphorige Säure zugelassen, bei demeter allerdings nur mit Ausnahmegenehmigungen. Der Kupfer, den wir spritzen, wirkt als reine Barriere außen auf dem Blatt, tötet den Pilz dort oder hindert ihn einzudringen, kann aber bereits vorhandene Infektionen nicht stoppen.

Die phosphorige Säure, die aus Braunalgen gewonnen ist, dringt aber in die Pflanze ein. Sie bewegt sich wie ein Nährstoff im Saftstrom dieser Pflanze. Der größte Vorteil ist, dass sie frische Infektionen heilen kann, bzw. deren Ausbruch verhindert. Wenn man sie bis zum Ende hin spritzt, ist sie auch später der Traube nachweisbar. Das finde ich bedenklich, ist aber im konventionellen Weinbau dieses Jahr Gang und Gäbe. Allerdings war die Verwendung im Ökoweinbau nur bis zur Schrotkorngröße der Traubenbeeren zugelassen. Das finde ich sinnvoll, denn so wird das Mittel komplett abgebaut.

Das heißt mit den Pflanzenschutzmitteln, die dir zur Verfügung stehen, stößt du dieses Jahr an deine Grenzen?

Was mich zerreißt, ist, dass man laut EU-Ökoverordnung 6 kg Kupfer pro Hektar und Jahr einsetzen darf. In Deutschland sind zum Pflanzenschutz aber nur 3 kg pro Hektar und Jahr im 5-jährigen Betriebsdurchschnitt zugelassen. Das bricht uns in diesem Jahr das Genick.

In Deutschland wird schon jahrelang über den Einsatz von Kupfer als Pflanzenschutzmittel diskutiert. Es gibt vom Bund geforderte Kupferminimierungsstrategien, die mir grundsätzlich aus dem Herzen sprechen,  aber gleichzeitig werden alle Alternativen vom Markt genommen. Daher wäre es  in meinen Augen durchaus sinnvoll, in solchen Extremsituationen, wie wir sie gerade haben, Phosphorige Säure mit einer Ausnahmegenehmigung zuzulassen, somit wären die 3 kg pro Jahr auch in Extremsituationen möglich.

Ich glaube, es ist im ureigenen Interesse eines jeden ökologisch wirtschaftenden Landwirtes, Pflanzenschutz egal welcher Art soweit wie möglich zu minimieren. Beim Spritzen fahren wir beispielsweise eine Recyclingtechnik: alles, was von dem Sprühnebel nicht am Rebstock landet, wird wieder aufgefangen und in den Tank zurückgepumpt. So haben wir in den vergangen Jahren unter anderthalb Kilo Kupfer pro Hektar und Jahr verbraucht. 2015 brauchten wir nur 900 g Kupfer pro Hektar!

Dieses Jahr wissen wir aber schon jetzt, dass wir am Ende des Jahres unsere vier Kilo Kupfer voll haben. Das hatte ich so noch nie. Aber es geht dieses Jahr nicht anders.

Der Umkehrschluss wäre, den Wein so teuer zu verkaufen, dass es uns finanziell nichts ausmacht, wenn alle 10 Jahre mal ein Jahrgang komplett ausfällt. Das ist leider nicht realistisch.

Was wünschst du dir von der Politik? Wie könnte es besser laufen?

Ich erhoffe mir für die Zukunft, dass man eine Regelung findet, die mehr Flexibilität zulässt in klimatisch schwierigen Jahren.

Danke, Sven. Wir wünschen dir alles Gute und drücken die Daumen für einen trockenen Hochsommer.

Interview: Anne-Kathrin Lange

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