Eine neue Winzergeneration: „Es geht nicht reibungslos“

Bianka Schmitt begann 2012 naturbelassene Weine zu machen. Damals waren es rund 1.700 Flaschen; vier Jahre später füllt sie mit ihrem Mann Daniel fast die zwanzigfache Menge ab. Von außen betrachtet eine Erfolgsstory. Dass es für sie aber kein leichter Weg ist, wird klar, wenn man etwas genauer hinhört. Im Interview spricht sie über den Generationenwechsel im Weingut, das Frauenbild im Weinbau und ihre Pläne für die Zukunft.

Bianka, wie bist du zum Weinbau gekommen und letztendlich in Rheinhessen gelandet?

Ich bin in Budapest geboren, dort habe ich auch meine Ausbildung zur Technikerin für Önologie absolviert. Die Partnerschule in Oppenheim, Rheinhessen, hat uns Praktikumsplätze an Weingütern in Rheinhessen vermittelt. Bei mir hatte sich Daniel gemeldet. Seine nette Email und die Webseite des Weinguts Schmitt haben einen guten Eindruck gemacht – so bin ich Daniels Praktikantin geworden. Es war in der Lesezeit 2012.  Die Tage begannen sehr früh und endeten erst nachts um zwei. Außer Daniel sprach niemand Englisch, deshalb waren wir rund um die Uhr zusammen. Das war 2012, als das Weingut gerade demeter-zertifiziert worden ist; für mich ein sehr spannendes Thema. Daniel hat mir sehr viel über die Herstellung biodynamischer Präparate erzählt.

Bis wir uns persönlich kennengelernt haben, dachten wir, Daniel würde eure Weine alleine machen. Wir konnten dieses Missverständnis erst aufklären, als ihr uns in Berlin besucht habt. Bis dahin standen eure Weine auch nur als Weine von „Winzer Daniel Schmitt“ in unserem Online-Shop. Passiert das öfter?

Wenn das Weingut nicht gerade nach einer Winzerin benannt ist, wie beispielsweise Weingut Lisa Bunn, gehen nach meinen Erfahrungen die meisten davon aus, dass der Mann den Wein macht und die Frau sich um die organisatorischen Dinge und ums Büro kümmert.
Es sind interessanterweise immer Männer, die auf einer Messe an unseren Stand kommen und nur mit Daniel sprechen wollen, weil sie gar nicht auf die Idee kommen, dass auch ich die Weine machen könnte. Ich wurde schon regelrecht ausgelacht. Besonders unangenehm war es letztes Jahr auf Weinmessen, während meiner Schwangerschaft. Es bedarf oft erst einer Erklärung, wie wir als Paar zusammenarbeiten. Das ärgert mich schon. Mein Aussehen, mein Körper, mein Make-up, ob ich Mutter bin oder nicht, hat doch erstmal nichts mit meiner Ausbildung, meinem Wissen und meinem Gespür für Wein zu tun.

Wann habt ihr angefangen euch für Naturwein zu interessieren?

Ende September 2012 sind Daniel und ich gemeinsam mit seinem Vater zu Patrick Meyer ins Elsass gefahren. Bei ihm sind wir zum ersten Mal mit diesem Spirit in Berührung gekommen. Was mich besonders fasziniert hat, war, wie man mikrobiologisch stabile Weine ohne Filtration und Schwefel machen kann. Für uns war völlig klar: das wollen wir auch machen. Bei konventionellen Weinen gehen unsere Vorlieben zwar komplett auseinander, aber bei naturbelassenen Weinen trifft sich unser Geschmack.
Zu diesem Zeitpunkt waren Daniel und ich übrigens schon längst ineinander verliebt.

Der Anstoß Weine ohne Schwefel zu machen kam von Daniels Vater. Aber die Umsetzung liegt komplett in unseren Händen. 2012 haben wir unseren ersten Vin naturel ausprobiert, mit einem 500-Liter-Fass Riesling. Wir haben die ganzen Trauben gepresst, keinen Schwefel zugefügt und im Kunststofftank ausgebaut.

2013 wart ihr das erste Weingut in Rheinhessen, das einen Amphorenwein vinifiziert hat. Wie seid ihr darauf gekommen?

Daniel hatte ein Praktikum gemacht beim Weingut Ploder-Rosenberg in Österreich, das Amphorenwein produziert. Daniels Mutter hatte ihn dort besucht und im Anschluss kurzerhand eine Amphore gekauft.  Wir haben viele georgische Amphorenweine probiert, überlegt, ob und wie lange wir den Wein auf der Schale lassen. Letztendlich haben wir  für unseren ersten eigenen Amphorenwein Weißburgunder ein ganzes Jahr auf der Maische gelassen. Das Ergebnis kennt ihr, ihr habt den 2013er Orpheus selbst im Sortiment.

Waren Daniels Eltern froh, dass eine Winzerin ins Haus kommt?

Daniels Eltern waren der Meinung, dass ich nicht in den Betrieb passe. Sie hätten sich eine Frau gewünscht, die auch aus einer Winzerfamilie vom Land stammt und einige Hektar Weinberge mitbringt. Sie haben eher traditionelle Vorstellungen. Da half auch meine Önologie-Ausbildung nicht weiter, weil sich in ihren Augen der deutsche Weinbau vom ungarischen Weinbau deutlich unterscheidet. Dabei ist der Weinbau überall derselbe: die Hefen fressen Zucker, egal in welchen Land sie sich befinden.

Das klingt so, als hättet ihr es nicht sonderlich leicht im Familienbetrieb?

Es läuft nicht reibungslos, wenn ein Festhalten an traditionellen Vorstellungen auf absolute Neugier und den Willen zur Veränderung trifft.

Ihr könntet euch der Situation auch entziehen und woanders arbeiten. Warum tut ihr euch die Auseinandersetzung an?

Aus Leidenschaft für das, was wir tun. Wir haben eine 100%-ige Vorstellung davon, wie wir unsere eigenen Weine machen wollen. Wir möchten mit unserem Namen für unsere Weine stehen und nicht nur die Kellermeister in irgendeinem anderen Weingut sein.

Und in Flörsheim-Dahlsheim? Wie sind die Reaktionen auf eure Naturwein-Leidenschaft?

Wir sind zunächst eher auf Unverständnis gestoßen. Und wenn befreundete Winzer ein Gläschen zu viel getrunken haben, werden sie auch direkter. Ihnen schmeckt es nicht. Sie haben in der Winzerschule gelernt, wie ein Wein zu schmecken hat und können sich nichts Anderes vorstellen. Nach der Lese 2016 haben wir aber schon das ein oder andere Experimentier-Fass in den Kellern unsere Winzer-Freunde entdecken können.

Was sind eure Pläne für die Zukunft? Bleibt ihr im Familien-Weingut?

Wir kämpfen seit vier Jahren darum, das Weingut von Daniels Eltern übernehmen zu können. Sein Vater ist jetzt 65 geworden, es wäre an der Zeit. Derzeit sieht es so aus, als ob wir das Weingut pachten können.

Das Weingut wollen wir vom Gästehaus und der Gutsschänke trennen. Wir würden gerne eine kleine Vinothek eröffnen, in der wir offene Naturweine ausschenken. Nicht nur unsere eigenen, sondern auch Vin naturel anderer Winzer, die wir über unsere Händler beziehen können.

Von 15 Hektar Gesamtrebfläche sind vier Hektar Dornfelder. Den möchten wir ausreißen, dafür lieber Blaufränkisch, Syrah und Chardonnay pflanzen.

Um einige Rebsorten wollen wir uns hingegen mehr kümmern. Wir haben beispielsweise 25 bis 30 Jahre alte Rebstöcke von Huxelrebe. Oder Bacchus: im 2016er Erdreich ist ein großer Anteil Bacchus, der dem Wein wirklich sehr gut steht.

Worauf können wir uns freuen? Gibt es neue Experimente?

Dieses Jahr haben wir einen Pet-Nát gemacht, für den wir Ortega und Huxelrebe auf der Schale vergoren haben. Wir haben ihn „Ungezogen“ getauft, ihr könnt ihn bald probieren.

 Bianka mit ihrem Mann Daniel Schmitt

-> Mehr zu Bianka und Daniels Weinen

Interview: Anne-Kathrin Lange

 

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